Malta

 

 

Wie eine gewaltige, ockerfarbene Festung ragt Valletta südlich von Sizilien aus dem tiefen, satten Blau des Mittelmeeres. Bunte hölzerne Balkone paradieren entlang enger Gässchen, über die sich neben der Hitze auch ein warmer Hauch von Orient gelegt zu haben scheint. Sitzt man in den Abendstunden in den Upper Barrakka Gardens und blickt aufs Meer und die gegenüber liegende Landzunge, scheinen die sandsteinfarbenen Gebäude in der Abendsonne regelrecht zu glühen und zu leuchten. Aus einem unerfindlichen Grund denke ich dabei an Jerusalem, wo ich eigentlich noch gar nie gewesen bin.

 

Der erste Tauchgang auf Malta bringt mich zum Wrack „P29“, einem vor Cirkewwa versenkten Patrouillenboot. Es ist Ende Mai, dennoch ist das Wasser noch so kühl, dass es beim Abtauchen den Herzschlag erheblich beschleunigt und ein prickelndes Gefühl auf Haut und Kopf hinterlässt (nach einer halben Stunde fühlen sich die Finger taub an, wassertemperaturmäßig bin ich wohl doch noch nicht so ganz zum eingefleischten Mittelmeertaucher geworden wie ich immer behaupte). Die Sicht ist grandios, ein durchscheinendes, scheinbar von innen heraus leuchtendes, dunkles Blau. Das Wrack selbst ist relativ klein, bewohnt von Drachenköpfen und Felimare Tricolore - hübschen blau-gelben Schnecken. Vorne befindet sich ein Geschütz, das jedoch erst nachträglich angebracht wurde, vor dem aber stets zahlreiche Taucher posieren. Ganz in der Nähe liegt „The Arch“, ein herrlicher Torbogen im mediterranen Blau in geringer Tiefe, der einlädt, unter ihm durch zu schweben.

 

Tauchen auf Malta bedeutet vor allem Wracks, von denen wir noch einige besuchen, unter anderem „Tug 2“ in Sliema, auf dem dutzende violette und weiße Flabellinas herumkrabbeln. Ein besonders großes violettes Exemplar hat sich auf der Brücke niedergelassen und scheint wie ein kleiner Kapitän sein algenbewachsenes, unterseeisches Geisterschiff selbstbewusst zu steuern - ich könnte schwören, die Schnecke hat mich direkt angesehen und mir einen vielsagenden Blick zugeworfen.

 

Am Abend explodiert in Valletta ein pompöses Feuerwerk am dunklen Nachthimmel, exakt choreographiert und farblich abgestimmt - es wird sogar ein weiß-rotfärbiges Malteserkreuz in den Himmel geschossen. Auf Nachfrage nach dem Anlass dieses Spektakels schüttelt der Kellner den Kopf über so viel Unverständnis: Der heilige Johannes wird heute gefeiert, was sollte denn sonst der Anlass sein!

 

 

Mai/Juni 2019

 

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© Christine Rauter