Thailand Westküste

 

 

 

Es kommt bekanntlich immer anders als man denkt. Eine Reise auf die Andamanen in Indien hätte es werden sollen. In allerletzter Sekunde am Tag der geplanten Abfahrt, als wir alle bereits an Bord saßen, haben uns jedoch die indischen Behörden einen Strich durch die Rechnung gemacht und uns für die zuvor bereits genehmigte Route die „Restricted Area Permit“ verwehrt. Und so ist aus einer Reise gemäß dem Motto des Schiffseigners „We go where no one goes…“ wohl eher das Gegenteil geworden:

Der Notfallplan bestand in 2 Wochen Thailand von der burmesischen Grenze im Norden bis zur malaysischen Grenze im Süden und wieder retour. Oder in anderen Worten von der Hippie Bar auf Koh Phayam bis zur Reggae Bar auf Koh Lipe mit vielen, vielen Tauchgängen dazwischen. Surin Islands, Richelieu Rock, Koh Bon, Koh Tachai, Similan Islands, Koh Bida, King Cruiser Wreck, Koh Ha, Hin Daeng, Hin Muang und der 8 Mile Rock ganz unten im Süden waren nur einige der bekanntesten und auch schönsten Stationen der Reise.

Als ich nach der nächtlichen Überfahrt morgens das erste Mal aufwache, sehe ich durchs Kabinenfenster grüne Inseln, umrandet von dunkelgrauen, abgeschliffenen Granitblöcken. Schrille Rufe tönen aus dem dichten Dschungel.  Darum herum die glatte, dunkelblaue See.

Auch unter Wasser türmen sich Granitfelsen übereinander. Kleine Stechrochen sausen durch die sandige Talsohle zwischen zwei Inseln, daneben liegt ein etwas größerer Pink Whipray im Sand. Füsilierschwärme ziehen in Bögen über die Granitblöcke und Fächergorgonien werden von pulsierenden Glasfischschwärmen eingehüllt, die sich wie eine Wolke flüssigen Metalls durch das Wasser bewegen. Aus allen Ritzen wird man von Augenpaaren angestarrt, Muränen sitzen in fast allen Löchern. Bei Koh Tachai umkreist ein großer Schwarm Barrakudas in einer Endlosschleife die Taucher in den seichteren Bereichen (als wir nach 10 Tagen am Weg zurück wieder beim Tauchplatz ankamen, kreiste der Barrakudaschwarm immer noch an der selben Stelle).

Weiter im Süden ändert sich das Landschaftsbild abrupt und statt weicher grüner Hügelkuppen türmen sich schroffe, gewaltige Kalksteininseln auf. Vermutlich gibt es wenige derart massentouristische Orte wie etwa die Phi Phi Islands, dennoch ist die Kulisse von schroffen Felswänden, durchlöchert von Höhlen, die sich kerzengerade ins Meer stürzen, atemberaubend und ich bin wider Willen schwer beeindruckt, obwohl ich bereits vor Jahren beschlossen habe, solche Massentourismusziele strikt zu meiden. Über Nacht ankern wir vor der derzeit geschlossenen Maya Bay. Wenig später morgens fängt das Spektakel an, dutzende Schiffe treffen ein, die alle ein paar Minuten an der Absperrungsleine verharren, damit die Passagiere ihre Selfies in Richtung der abgesperrten Bucht hinein schießen können, dann drehen sie wieder ab, das nächste Ausflugsboot aus der Warteschlange folgt und wiederholt die Prozedur. Wir flüchten in Richtung Koh Bida, wo man in einem riesigen Großaugenschnapperschwarm geradezu baden kann. Bewegt man sich, öffnet sich der Vorhang aus Fischleibern, um sich unmittelbar darauf wieder zu schließen. Das King Cruiser Wrack weist ebensolch dichte Fischschwärme auf, neben zahlreichen eleganten Schnecken, die an den Bordwänden der versunkenen Fähre kleben – so als wäre die Fähre nur gesunken, um dieses hübsche Bild zu erzeugen.

Und immer weiter geht es in Richtung Süden. Hin Daeng und Hin Muang, die beiden Zwillingsfelsen sind vermutlich die rosarotesten Tauchplätze dieser Erde, bewachsen mit einem dichten Fell aus rosa, pinken und lila Weichkorallen. Während an anderer Stelle die Blasen vieler Tauchergruppen blubbern, streicht ein gewaltiger Ozeanischer Manta in eleganten Ellipsen und Kreisen um mich herum und über meinen Kopf hinweg. In ein paar Minuten sollte die erste Tauchergruppe den Manta entdecken und vorbei ist’s mit der Ruhe für mich (ich verlasse den Schauplatz des Geschehens, dem Manta war’s egal, der blieb). Ein Oktopus beobachtet mich mit Argwohn während ich ihn ablichte und das Manta Spektakel hinter mir lasse.

Ganz unten im Süden nahe der malaysischen Grenze betauchen wir den 8 Mile Rock, der herrlich mit gelben Krustenanemonen überzogen ist, während dutzende Quallen mit eigenartigen Häubchen im hier eher grünlich trüben Wasser um uns herum wabern und ein riesiger Zackenbarsch sehr darauf achtet, einen gebührlichen Sicherheitsabstand zu den Tauchern einzuhalten.

Die letzten beiden Tage unserer Tour verbringen wir am Richelieu Rock. Vermutlich gibt es nicht viele Tauchplätze auf dieser Erde mit einem derartigen Taucheraufkommen. Morgens sind wir das neunte Boot am Platz, es sollten aber im Laufe des Tages noch viele, viele mehr werden, nachdem nach und nach auch die Tagesboote eintreffen. Dennoch - und das ist das wirklich Eigenartige daran - ist es ohne Zweifel ein absoluter Weltklassetauchplatz mit einem Fischaufkommen, das seinesgleichen sucht. Schon brüllt eine Gruppe von Schnorchlern von einem Tagesboot begeistert „Whaleshark, whaleshark!“, den gepunkteten Riesen scheint das Getümmel von Booten, Menschen und Blasen offenbar nichts auszumachen. Mehrere hundert Makrelen, Rainbow Runners und Langnasenstraßenkehrer haben sich zu einem wahnwitzigen Trupp zusammengeschlossen, um im Schwarm die riesigen Glasfischschwärme, die in Wolken auseinanderstieben und sich wieder zusammenballen, zu jagen. Gerät man in diesen Jagdtrupp, fühlt man sich als wäre man beim Sardine Run im Miniformat. Die Geschwindigkeit, mit der die Fische um mich herum schießen, raubt mir jegliche Orientierung, während der irre Trupp in der nächsten Minute bereits wieder weitergezogen ist, um mir jedoch bei fast jedem Tauchgang mehrmals zu begegnen.  Das Bild des sich als unzertrennliche Einheit bewegenden Kampftrupps, bestehend aus völlig unterschiedlichen Fischgesichtern – den länglichen Schnauzen der Straßenkehrer und den platten Gesichtern der Makrelen, die alle wild durcheinanderpurzeln – hinterlässt einen unwirklichen Eindruck, sodass man sich einen Moment später nicht mehr sicher ist, das wirklich gesehen zu haben. Eine wahnwitzige Gruppe, die sich während der ganzen zwei Tage, die wir am Richelieu Rock verbringen, niemals trennt. In den unteren Riffbereichen bevölkern Muränen, Harlekin-Garnelen, Geisterpfeifenfische und Fangschreckenkrebse und allerlei kleines Getier den ebenfalls üppig mit lila Weichkorallen bewachsenen Richelieu Rock.

Nach zwei Wochen Tauchsafari ziehe ich das Resümee, dass die thailändische Andamanensee selbst für einen weitgereisten Taucher herrliche Tauchplätze bietet, die tatsächlich ihresgleichen suchen, man aber starke Nerven (und das richtige Liveaboard) benötigt, um das massenhafte Aufkommen von anderen Booten und Tauchern zu verkraften (wir waren etwa lediglich zu acht am Boot; Solotauchgänge wurden mir erlaubt).

„We go where no one goes…“ hat dieses Mal nicht funktioniert, dennoch war es eine wunderbare Reise und die rosaroten Weichkorallenwälder von Hin Daeng und  Hin Muang haben sich in meine Netzhaut eingebrannt und werden niemals vergessen sein.

 

 

Februar/März 2019

 

 

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© Christine Rauter