Gozo

 

 

Gozo präsentiert sich als felsige, hügelige Insel, umgeben vom tiefen Blau des Mittelmeeres, durchrastert von Olivenhainen und durch Steinmauern abgegrenzte Terrassenfelder, wo Kürbisse und Tomaten gezogen werden, inmitten darin pittoreske Dörfchen aus sandsteinfarbigen Häusern und mit Kirchen und Kathedralen von teilweise geradezu bombastischen Ausmaßen. In der Mitte die Hauptstadt Victoria mit seiner ebenfalls sandsteinfarbigen Zitadelle, die wiederum wie eine Stadt in der Stadt wirkt – mit einer Kathedrale, einem Gefängnis, einem Gericht und allem Drum und Dran. Von vielen Stellen hat man Blick auf die dunkelblauen Buchten, gelegentlich gesprenkelt mit hellem Türkis, die die Insel an vielen Stellen mit scharfen Zungen einschneiden. An anderen Stellen stürzen sich Steilklippen aus schwindelerregender Höhe ins Blau des Mittelmeeres und versinken in der Tiefe.

 

Unter der Wasseroberfläche setzt sich diese grandiose Landschaft fort: Türme, riesige Tore, Tunnel, Spalten, Kamine, Mauern und Höhlen gleichen einer Festung im tiefen Blau. Ein Blau wie ich es übrigens sonst nirgends noch gesehen habe, geradezu strahlend, klar und kräftig, fast hypnotisierend. Ich kann nicht genug davon bekommen, aus Spalten und Höhlen ins Freiwasser zu tauchen – man fühlt sich geradezu berauscht von der satten, tiefen, strahlenden Farbe. Bei Xatt L‘ Ahmar schlummern die künstlich versenkten Wracks der Cominoland, der Karwela und der Autofähre Xlendi vor sich hin – allerdings alle zwischen 35-40 Metern Tiefe, weshalb mein auf Nitrox eingestellter Computer mir die Ohren voll fiept, während ich die am Wrack hockenden Drachenköpfe, Muränen und Schnecken abfotografiere (merke: das nächste Mal Luft verwenden). Ein Hauch von Unzufriedenheit mischt sich wie eine grässliche Dissonanz lediglich am bekannten Blue Hole in die zauberhafte Melodie meines allgemeinen Hochgefühls, hier schwimmen mehr Taucher als Fische scheint es mir, das Sediment ist aufgewirbelt und das Wasser eingetrübt (mag es vielleicht auch an den Wellen gelegen haben, die mit ziemlicher Kraft hereingeschlagen haben). Beim Blick nach oben erblicke ich dutzende schnorchelnde und schwimmende Bäuche, Beinchen und Arme, die begeistert an der Oberfläche strampeln. Als wir jedoch beim Verlassen des „Blauen Lochs“ durch den unter Wasser liegenden Torbogen wieder ins grenzenlose Blau abtauchen, bin ich wieder versöhnt, wieder eins mit dem Meer.

 

Am nächsten Tag melde ich in der Basis meinen Wunsch nach Seepferdchen an, ich liebe die kleinen possierlichen Kreaturen und ich finde, jene des Mittelmeeres sind die allerschönsten. Unser Guide findet auch tatsächlich mehrere der Tierchen, auch wenn er zur Sicherheit ein Plastikexemplar mitgenommen hatte, um den bitteren Vorwürfen meinerseits zu entgehen, sollten sich die Kleinen doch zu gut verstecken. Ein Oktopus lugt aus einem Loch. Quietschbunte Meerpfauen sausen über Algenflächen. Auch auf Gozo wird jedoch zu viel gefischt, größere Makrelen sehen wir nur ein einziges Mal – ein allgemeines Problem des Mittelmeeres.

 

Der Legende nach ist Gozo die Insel Ogygia, wo die schöne Kalypso Odysseus 7 Jahre lang festhielt. Das könnte aber gut und gern auch nur eine faule Ausrede von Odysseus gewesen sein (schuld sind immer die Frauen), weil er einfach 7 Jahre auf dieser herrlichen Insel bleiben wollte, was ich wiederum durchaus nachvollziehen könnte.

 

 

August 2018

 

 

 

 

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© Christine Rauter