Dahab

 

 

Heiße, trockene Winde streichen über das gewaltige ockerbraune Gebirgsmassiv des Sinai zum Golf von Aqaba hinab, wo wir uns für einen Tauchgang im berühmten „Canyon“ fertig machen. Fast scheint es, als würde der heiße Wind einen farbigen Film in der Luft hinterlassen, ein intensives Etwas, das die Landschaft um uns herum in Orange, Braun, Rot, Ocker und tiefem Blau zum Leuchten bringt. Die schwarzen Wellen des aufgepeitschten Golfs brechen draußen an der Riffkante während wir ins Wasser waten und einen letzten Blick auf die gegenüberliegenden, ebenso gewaltigen und beeindruckenden Landmassen von Saudi Arabien werfen. Nach einer kurzen Schwimmstrecke sinken wir in den Canyon hinab. Ich habe keine Lampe mitgenommen, um Licht und Schatten, dunkleres und helleres Blau in seiner vollen Schönheit und in allen Nuancen wahrnehmen zu können. Auf dem weißen sandigen Grund flackern die Spiegelungen der Wellen von der Oberfläche und huschen in einer stetigen Bewegung über den sandigen Grund. Im tiefen, dunklen Blau bricht das Licht durch Öffnungen an der Decke des Canyon. Am Ende der unterseeischen Schlucht kreist ein Schwarm graubraun glänzender Beilbauchfische und schraubt sich in einer kreisförmigen Bewegung in die Höhe hinauf und wieder hinab, ein Fischwirbel, der sich bereits seit Jahren an dieser Stelle dreht. Ich überlege, ob die Jungfische wohl direkt in diesen Endloskreisel hineingeboren werden oder der hypnotische Kreisel die Jungtiere nach der Geburt magisch in seinen Sog hineinzieht, sodass sie sich diesem anschließen und ihn nie mehr verlassen. Verlässt man den Canyon, wuchern einem herrlich bewachsene Korallenblöcke mit grellen, orangen Anthiasschwärmen entgegen. Ein Skorpionsfisch döst unter einem Felsen. Am Ende des Tauchgangs durchsucht ein Oktopus jeden Korallenblock nach essbarem Getier.

 

Dahab ist anders als der Rest von Ägypten. Auf der Strandpromenade kommt mir ein Ägypter mit hüftlangen Rastalocken lediglich mit einer Speedo-Badehose bekleidet entgegen, einen blauäugigen Husky an der Leine. Daneben ein Beduine im traditionellen Gewand, dazwischen kurvt ein Mädchen im knallrosa Kleid mit dem Roller, während zwei Jugendliche auf Araberpferden an der Gruppe vorbeitraben. Dahab ist eine ehemalige Hippiekommune, was man immer noch sehr deutlich spürt. Hippies und Beduinen, das sind wohl die beiden maßgeblichen Einflussfaktoren für die kleine Oasenstadt am Golf von Aqaba, die fast nur von Individualtouristen besucht wird.

 

Am Abend unternehme ich einen Nachttauchgang, bei dem der Guide neben unzähligen Muränen, verschiedenen Feuerfischen und Skorpionsfischen einen Oktopus in der Größe lediglich meines halben Fingernagels findet. Ein entzückendes kleines Kügelchen, das versucht, sich vor dem Licht der Lampe zu verstecken und sich letztendlich im Sand eingräbt.

Seenadeln schwirren beim bekannten Tauchplatz „Lighthouse“ umher, einige farbenprächtige Schnecken ziehen über den groben Sand. Mittlerweile wurden einige Figuren und Statuen aufgestellt, auf denen sich zahlreiche kleine Garnelen tummeln. Das „Blue Hole“ betauchen wir diesmal nicht, ich fand es bei meinem letzten Aufenthalt vor einigen Jahren schon nicht besonders interessant.

 

Keine andere Stadt in Ägypten fühlt sich an wie Dahab, der Ort der Aussteiger und der Crazy People. Dahab macht süchtig. Im Geiste plane ich bereits den nächsten Aufenthalt während ich am Abend bei einem Bier in einer der vielen Standbars sitze.

 

 

Juni 2021

 

 

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© Christine Rauter