Pemba Island

 

 

Bereits beim Anflug mit einem kleinen Propellerflugzeug offenbart sich uns eine dunkelgrüne, dicht bewachsene Insel inmitten der türkis schimmernden Lagunen des Indischen Ozeans, die wiederum von Sandbänken und Kanälen durchzogen sind. Pemba, die nördlichste Insel des Sansibar Archipels, ist im Gegensatz zu ihrer südlichen Nachbarin vom Massentourismus verschont geblieben. Die Fahrt zum Resort führt durch geschäftige afrikanische Dörfer, in denen Fortbewegungsmittel nur mehr Fahrrad und Ochsenkarren sind, während man selbst im Geländewagen des Resorts über unbefestigte Straßen durch hohe Dschungelwälder, Palmenhaine und Felder rumpelt, auf denen tatsächlich noch Affen von Baum zu Baum springen. Die Stämme der gewaltigen Baobab Bäume ragen in den blauen Himmel. Am Abend tönt das schrille Geschrei von Bushbabies aus den Baumwipfeln, über die mit gewaltigen Flügelschlag ein Nashornvogel streift, ein Frosch quakt in unglaublicher Lautstärke während sich die Palmwipfel im sachten Abendwind wiegen.

 

Pemba ist, wie die gesamte ostafrikanische Küste, von starken Gezeiten geprägt, der Gezeitenunterschied beträgt fast 4 Meter, sodass man entweder bei der Abfahrt oder der Rückkehr ein ziemliches Stück zum Zodiac oder zum Strand waten muss. Der erste Tauchgang bringt unzählige Schnecken, gestreifte chromodoris africana, cyerce nigricans mit ihren grell gemusterten Lappen, Kopfschildschnecken mit leuchtend blauem Rand, gestreifte, gezackte, gepunktete, gefleckte. Nicht einmal in Indonesien habe ich so viele verschiedene Arten gesehen. Dazu Plattwürmer in allen Farben, die über Korallenbänke kriechen. Außergewöhnlich viele Skorpionsfische lauern bewegungslos auf Korallenblöcken auf Beute; auf einer grünlichen Koralle finden wir zwölf Baby-Exemplare, die ständig hektisch den Platz wechseln und die stoische Ruhe ihrer Eltern scheinbar noch nicht erlernt haben. Die fiesen Bartmuränen gibt es hier zu Hauf, die ständig unvermittelt aus Korallenblöcken schießen und schmerzhafte Bisse androhen. Pinke, gelbe und weiße Schaukelfische können bei jedem Tauchgang gesichtet werden. Der Korallenbewuchs ist im Vergleich zur restlichen Küste Ostafrikas und auch den Malediven herrlich. Wild in sich gewundene Turbinaria machen einen bereits beim Hinsehen schwindlig. An den Steilwänden wuchern gewaltige Gorgonienfächer, aber auch klein und zerbrechlich anmutende gelbe Fächer, kleine, weiße verästelte Korallen und eine Unzahl von Schwämmen. Mit der Farbenpracht des Roten Meeres können sie aber nicht mithalten, selbst die Weichkorallen sind hier weißlich und beigefarben. In den seichteren Bereichen türmen sich Tonnenschwämme von unglaublichem Ausmaß und stecken Schlangenaale ihre Köpfchen aus dem Sand oder schlängeln sich elegant über Sandflächen. Glasfischschwärme und Wolken winziger Garnelchen pulsieren an vielen Stellen.

 

Was es allerdings auf Pemba eher selten gibt, ist Großfisch, wir sichten einen Barrakudaschwarm, ein paar Napoleons, einige Makrelen und Thunfische – die Einheimischen haben alles gnadenlos leergefischt. Ich stelle fest, dass sich die paar verbliebenen Exemplare relativ tief unterhalb von 40 Metern verstecken, wohl um den Netzen der einheimischen Fischer zu entgehen.

 

In fast jedem Tauchgebiet gibt es meines Erachtens einen Tauchplatz, der anders ist als alle anderen. Auf Pemba ist das "Emilios", eine senkrechte Wand, fast ausschließlich mit verschiedenfärbigen, bunten Schwämmen bewachsen – wie die Farbkleckse eines abstrakten Bildes, dazwischen einige Peitschenkorallen. Mitten in der Wand klaffen zwei Spalten, eine kleinere, in die zwei Taucher passen und ein  riesiger senkrechter Riss, in dem acht Taucher bequem Platz finden. Wir wählen den Zeitpunkt des Gezeitenwechsels, um der ansonsten sehr starken Strömung zu entgehen und gleiten in ruhigem Wasser die grandiose Wand entlang. Und selbst an dieser senkrechten Wand finden wir Schnecken, Plattwürmer, Seenadeln, Garnelen und anderes kleines Getier zu Hauf.

 

Am Ende der Woche stelle ich erfreut fest, dass wir während der gesamten Woche keinem anderen Tauchboot begegnet sind – der Vergleich mit dem danach angeschlossenen Aufenthalt in Sansibar mit seinen Touristen- und Taucherhorden, Müll ohne Ende und vielen toten Riffen war schlichtweg krass. Pemba ist hingegen ein waschechter afrikanischer Tauchertraum, wenngleich ein solcher ohne große Fische, aber mit blühenden Korallengärten und einem vielfältigen bunten Makroleben.

 

 

Oktober 2021

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© Christine Rauter