Marsa Alam

 

Marsa Alam, eine kleine Wüstenstadt im Süden Ägyptens, umgeben von zumeist grauenerregenden, riesigen Pauschalhotels, die in ziemlicher Entfernung zueinander liegen (eine Stunde Fahrzeit von Hotel zu Hotel oder von einer Marina zum Hotel ist keine Seltenheit). Die Berge, die am Sinai noch das Meer bedrängen, sind im Süden relativ weit in den Hintergrund gerückt. Ein paar Wadis mit buschartigen Gewächsen, die allesamt mit buntem Plastikmüll verhangen sind, dazwischen einige Hotels in Bau. Und wie so oft, liegt das Grauen und das Wunderschöne eng beisammen: Mein erster Tauchgang führt mich in die berühmte Abu Dabab Bucht (manchmal auch Abu Dabbab geschrieben), die selbst in Tourismus-Krisenzeiten relativ überlaufen wirkt. Die Bucht schirmt eine Seegraswiese mit dutzenden grünen Meeresschildkröten ab, die Tiere wirken geradezu riesig während sie energisch den Boden nach Seegrasstängeln abrupfen und gegenüber der Annäherung von Menschlein so gut wie unempfindlich sind.  Ich habe noch nie eine solche Anzahl derart großer Tiere gesehen. Zwei Adlerrochen Kinder umschwimmen uns ebenso wenig scheu bei jedem Tauchgang in der Bucht. Die Riesenmuränen öffnen träge ihre Münder während Großmaulmakrelen in großen Schulen durchs Wasser pflügen. Auch nachts wird es spannend in der Bucht, winzige bunt schimmernde Sepien durchkreuzen den Lichtstrahl, Krabben sausen umher, die Äuglein von Geißelgarnelen blitzen auf wie Katzenaugen.

 

Auch in anderen, flachen Buchten, die wir entweder vom Boot oder vom Land aus betauchen, flattern Rochen umher, dösen Schildkröten, umkreisen uns Sardinen- und Barrakudaschwärme, während Kugelfische, Kofferfische und Igelfische uns argwöhnisch mit ihren runden Äuglein betrachten.

 

Natürlich besuchen wir auch die ungekrönte Prinzessin der Gegend: Elphinstone. Wohl aufgrund der Jahreszeit und auch der allgemeinen Lage sind wir das einzige Boot am Platz, nur drei Tauchgäste teilen sich den wundervollen Ort an diesem Tag. Am Nordplateau wuchert ein Märchenwald aus weißen, pinken und lila Weichkorallen zwischen denen orange Fahnenbarsche wie Schmetterlinge umherschweben, ein paar rote Juwelenbarsche kreuzen von links und rechts. Eine Explosion der Farben, die ganze Palette des Regenbogens im glasklaren durscheinenden Blau. Ein Napoleon knackt eine Muschel während ein kleineres Exemplar neben ihm herschwimmt. Eine Karettschildkröte betätigt sich als Gärtner und stutzt den üppigen Weichkorallenbewuchs. Die herrliche steile Wand entlang, der wir Richtung Süden folgen, begegnen uns Riesenmuränen, zitronengelbe Falterfische, grell rote Großaugenbarsche. Flötenfische tanzen, alle in dieselbe Richtung ausgerichtet, ein Ballett für uns. Am Ende der Wand finden wir das mit hellen Weichkorallen überwucherte Südplateau. Die ansonsten häufig zu Gast weilenden Weißspitzen Hochseehaie sind an diesem Tag allerdings abwesend. Trotz der Eiseskälte (es ist Jänner) wiederhole ich diesen Tauchgang insgesamt vier Mal.

 

Während ich eine riesige ägyptische Frühstücksplatte mit Foul, Eiern, Hummus, Salaten und Fladenbrot an einer Tankstelle verschlinge (nirgends gibt es ein besseres Frühstück!) komme ich zu dem Schluss, dass Marsa Alam, so sehr es auch ansonsten jeden Reizes entbehrt, für uns Taucher und Schnorchler immer noch einen wahren Garten Eden darstellt.

 

 

 

Jänner 2022

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© Christine Rauter