Jordanien

 

 

Vier Staaten drängen sich um den Golf von Aqaba. Ich stehe am Strand der Tala Bay in Jordanien und blicke übers Meer nach Ägypten und Israel hinüber. Circa 5 Kilometer zu meiner Linken liegt die Grenze zu Saudi Arabien. Geschichtsträchtiger Boden mit wechselvoller Geschichte.

 

Im Wadi Rum, in dem ich eine Jeeptour mache, ragen ockerbraune Sandsteinformationen in den blauen Himmel. Die Zeit scheint genauso wie der rote Sand nur langsam durch die Täler zu treiben. Eine selten erlebte Stille, wie ich sie sonst nur aus dem Hochgebirge kenne, hüllt alles ein. Heute ist morgen schon gestern, denke ich. Ein eigenartiger, alter Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. 

 

Der dunkelblaue, sehr salzige Golf von Aqaba lockt mich hingegen unter die Wasseroberfläche.

 

Als Liebhaber von kleinem Getier bin ich bereits nach dem ersten Tauchgang entzückt: Geisterpfeifenfische, ein Anglerfisch direkt unter dem Steg, Schnepfenmesserfische, schillernde Schnecken, eine Gelbmaulmuräne in leuchtend pinken Weichkorallen, Seegraswiesen mit großen Spazierstockseenadeln. Als zweiter Tauchgang wird auch gleich das Wrack der Cedar Pride angefahren, die nur wenige Meter vor der Küste mit ebenfalls herrlichem Weichkorallenbewuchs vor sich hin döst, während Myriaden von Fahnenbarschen ihre Masten umschwärmen. Eine große Schule von himmelblauen Füsilieren umkreist die oberen Teile des Wracks. Seenadeln, Pyjamaschnecken, Drachenköpfe, Falterfische und Riesenkugelfische bevölkern die Cedar Pride, unter der man circa in der Mitte bequem durchtauchen kann. Weichkorallen sprießen wie ein Bart aus allen Poren der Masten. Mir drängt sich unwillkürlich der Gedanke an einen schlafenden Riesen auf. Die Sicht ist herrlich, der Bewuchs könnte bunter nicht sein, sodass man bereits beim Auftauchen mit Wehmut erfüllt wird, weil man diesen Ort eigentlich niemals verlassen will.

 

The Tank ist hingegen ein versenkter Panzer, unter dem sich unendlich viele Seenadeln tummeln, es wimmelt gerade so von den kleinen Würmchen. Ein Nachttauchgang, der jedes Mal von der Marine bewacht werden muss, bringt Sepien, einen Bärenkrebs, Marmormuränen, viele Kurzflossen Zwergfeuerfische und Geißelgarnelen. 

 

Die schönsten Tauchgänge sind für mich aber wohl meine Solo Tauchgänge am Yellow Stone Riff, einem der Hausriffe der Tala Bay. Nachdem ich am Beginn des Tauchganges jedes Mal den Anglerfisch unter dem Steg besuche, der mir aber manches Mal sein kleines Hinterteil zukehrt, tauche ich linker Hand weiter über Seegraswiesen, die mit Korallenblöcken durchsetzt sind. Im Seegras finde ich eine riesige Glossodoris, große braune Spazierstockseenadeln, Pyramidenkofferfische und graue Muränen, die es hier in rauen Massen gibt. Taucht man weiter bis man zum Eingang zur Marina gelangt, findet man dort herrliche Korallenblöcke, die so üppig sind, dass ich dort stundenlang ausharren könnte. Ein Oktopus beobachtet mich beim Fotografieren während ein halb eingegrabener Krokodilsfisch unter dem Korallenblock lauert. Fahnenbarsche pulsieren wie ein stetiger Herzschlag über den Blöcken. Ein schlangenartiger Fisch, der aber offensichtlich kein Schlangenaal ist, schwimmt an mir vorüber, mein schlaues Buch bezeichnet ihn als Schlangen Säbelzähner. 

 

Die Tauchgänge sind so friedlich, von so üppiger Schönheit und so herrlich, dass sie auch das grauenhafte Pauschalhotel wieder wettmachen, in dem ich residieren muss. Der innere Frieden nach den Tauchgängen wirkt noch etwas nach, wenn ich mich dann Stunden später am Buffet ins Gedränge stürze, um noch etwas Essbares zu ergattern und mich relativ erfolglos an den Kampfhandlungen um das warme Essen beteilige.

 

 

Oktober 2017

 

 

 

 

 

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© Christine Rauter